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Gasturbinen-Boom auf dem Weltmarkt? Siemens Energy testet neue Materialien im industriellen Dauerbetrieb

© Siemens Energy AG© Siemens Energy AGMarl - Siemens Energy hat im Chemiepark Marl eine Gasturbine in Betrieb genommen, mit der neue Materialien, Komponenten und Fertigungsverfahren über vier Jahre unter realen industriellen Einsatzbedingungen getestet werden. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Turbinenschaufeln und Brenner sowie Komponenten aus additiver Fertigung und neue Beschichtungen.

Die Erprobung fällt in eine Phase weltweit stark steigender Nachfrage nach Gasturbinen. Ein wichtiger Treiber ist der rapide wachsende Strombedarf von Rechenzentren und KI-Anwendungen. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet beispielsweise, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppelt. Welchen Anteil erneuerbare Energien oder Gaskraftwerke am zusätzlichen Strombedarf decken, hängt auch von den jeweiligen Stromerzeugungskosten ab. Für Gaskraftwerke bleibt dabei der langfristig kaum kalkulierbare Gaspreis ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor.

Siemens Energy testet neue Materialien im vierjährigen industriellen Dauerbetrieb
Die SGT-800 Industrial Demonstrator Turbine ermöglicht Siemens Energy, neue Gasturbinenkomponenten über vier Jahre und mehrere tausend Betriebsstunden im kommerziellen Anlagenbetrieb zu erproben. Im Fokus stehen Turbinenleit- und -laufschaufeln, Brenner, Komponenten aus additiver Fertigung sowie neue Materialien und Beschichtungen. Die Turbine wird kontinuierlich überwacht, ausgewählte Komponenten werden planmäßig ausgetauscht.

Die Testturbine ersetzt eine von vier SGT-800 im Gaskraftwerk von SYNEQT, einer Tochtergesellschaft von Evonik Industries, und versorgt die Unternehmen im Chemiepark Marl mit Strom und Prozessdampf. Die bisherige Gasturbine bleibt als Reserve vor Ort. Mögliche technische Risiken bleiben nach Angaben der Projektpartner damit auf die Testturbine begrenzt, ohne den Kraftwerksbetrieb zu beeinträchtigen.

Die Langzeittests ergänzen Entwicklungs-, Prüfstands- und Komponentenversuche. Die Erkenntnisse aus dem industriellen Betrieb sollen in die Qualifizierung neuer Technologien und die nächste Generation von Gasturbinenkomponenten einfließen und dazu beitragen, Effizienz, Zuverlässigkeit, Fertigung und Lebensdauer weiter zu verbessern.

„Die Industrial Demonstrator Turbine ermöglicht es uns, innovative Gasturbinen-Technologien unter realen Einsatzbedingungen zu testen“, sagt Vanessa Bauch, Leiterin Gas Services Distributed bei Siemens Energy. Für Langzeittests unter realen Last- und Leistungsbedingungen seien Partnerschaften mit Anlagenbetreibern wie SYNEQT hilfreich.

Globales Marktwachstum: KI und Rechenzentren treiben weltweiten Strombedarf
Der steigende Strombedarf von Rechenzentren verstärkt die Nachfrage nach zusätzlichen Erzeugungskapazitäten. Nach der IEA-Prognose steigt deren globaler Stromverbrauch von rund 415 TWh im Jahr 2024 auf etwa 945 TWh im Jahr 2030. KI ist dabei ein wesentlicher Wachstumstreiber. In den USA dürften Rechenzentren bis 2030 fast die Hälfte des gesamten zusätzlichen Strombedarfs verursachen.

Für die Deckung des zusätzlichen Bedarfs erwartet die IEA einen breiten Energiemix. Erneuerbare Energien decken in der Prognose bis 2030 knapp die Hälfte des weltweiten Zuwachses beim Strombedarf von Rechenzentren. Gleichzeitig bleiben fossile Energieträger vor allem kurzfristig von Bedeutung. In den USA erwartet die IEA bis 2030 einen Zuwachs der Erdgasstromerzeugung für Rechenzentren um mehr als 130 TWh, gegenüber rund 110 TWh aus erneuerbaren Energien.

Siemens Energy und GE Vernova mit hohen Gasturbinen-Auftragsbeständen
Der steigende Strombedarf trifft auf einen bereits stark ausgelasteten Gasturbinenmarkt. Siemens Energy erzielte im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 bei Gas Services mit 8,75 Mrd. Euro den bislang höchsten Auftragseingang. Der Auftragsbestand des Segments erhöhte sich auf 60 Mrd. Euro. Insgesamt wurden in dem Quartal 102 Gasturbinen bestellt.

Nach Angaben von Siemens Energy waren die Fertigungskapazitäten für Gasturbinen Ende März bis zum Geschäftsjahr 2028 ausgebucht. Die Kapazitäten für 2029 füllten sich ebenfalls schnell, erste Fertigungsslots für 2030 waren bereits gebucht.

Auch GE Vernova meldet eine hohe Nachfrage. Ende des zweiten Quartals 2026 erreichten der Auftragsbestand und die Slot-Reservierungen für neue Gasturbinen 116 GW. Bis Ende 2026 erwartet das Unternehmen mindestens 125 GW. GE Vernova will die jährliche Gasturbinenproduktion von 20 GW im Jahr 2026 auf 24 GW 2028 erhöhen und bereitet für 2030 eine Kapazität von 30 GW vor.

IWR: Gasturbinen-Boom bleibt Wette auf die Zukunft - Geschichte mahnt zur Vorsicht
Hohe Auftragsbestände bedeuten nicht zwangsläufig eine konkrete Umsetzung. Bereits der Gasturbinen-Boom Anfang der 2000er Jahre endete vor allem in den USA abrupt: Nach einem massiven Kraftwerkszubau entstanden Überkapazitäten, die Strompreise sanken und gleichzeitig belasteten steigende Gaspreise die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke. Zahlreiche Projekte und Turbinenbestellungen wurden daraufhin storniert oder verschoben. Entscheidend bleibt daher auch heute die Frage, wie sich die Wirtschaftlichkeit der geplanten Gaskraftwerke über ihre lange Betriebsdauer entwickelt.

"Der aktuelle Gasturbinen-Boom ist auch eine Wette auf die Zukunft. Der erwartete starke Anstieg des Strombedarfs durch KI und Rechenzentren führt derzeit weltweit zu Planungen für zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten und treibt die Nachfrage nach Gasturbinen. Ob die erwartete Nachfrage tatsächlich in diesem Umfang eintritt und sich neue Gaskraftwerke angesichts langfristig schwer kalkulierbarer und in der Vergangenheit volatiler Gaspreise über Jahrzehnte wirtschaftlich tragen, ist allerdings eine andere Frage“, sagt IWR-Geschäftsführer Dr. Norbert Allnoch.

© IWR, 2026


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