Nationale Gasreserve: Industrie könnte rechnerisch bis zu 185 Millionen Euro jährlich zahlen - Verbände kritisieren Umlage
© ShutterstockBerlin - Die geplante nationale Gasreserve könnte industrielle Gaskunden nach einer Modellrechnung jährlich mit bis zu 185 Millionen Euro belasten. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) lehnt eine neue Gasumlage ab und fordert die Finanzierung aus dem Bundeshaushalt.
Die Bundesregierung plant eine Neuordnung der staatlichen Gasvorsorge. Ende März 2027 laufen die gesetzlichen Speicherfüllstandsvorgaben aus. Eine gesonderte Reserve soll künftig außergewöhnliche Versorgungskrisen absichern. Die reguläre Winterversorgung bleibt Aufgabe der Marktteilnehmer, künftig allerdings ohne die bisherigen gesetzlichen Mindestfüllstände. Zugleich verdeutlichen die niedrigen Speicherstände und die jüngste Einspeicheranweisung an den bundeseigenen Energiekonzern Securing Energy for Europe (SEFE), dass der Staat bereits heute Maßnahmen zur Sicherung der Gasversorgung ergreift.
Gasreserve: Geschätzte Kosten von bis zu 308 Millionen Euro pro Jahr
Der Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE) veranschlagt für die Gasreserve in den ersten zehn Jahren jährliche Kosten von 247 bis 308 Millionen Euro. Die Kalkulation umfasst unter anderem Gasbeschaffung, Speicher- und Transportentgelte sowie Finanzierungs- und Verwaltungskosten. Die Beträge sind Prognosen, keine feststehenden Ausgaben.
Nach Angaben im Referentenentwurf entfallen rund 60 Prozent des zugrunde gelegten Gasverbrauchs auf industrielle Gaskunden. Bei einer entsprechenden Verteilung der Umlagekosten ergibt sich rechnerisch eine jährliche Belastung von 148 bis 185 Millionen Euro.
Bezogen auf den Gasverbrauch von 2025 entspricht die Kostenspanne etwa 0,29 bis 0,36 Euro je MWh. Für Haushalte mit 13.000 kWh Jahresverbrauch ergeben sich daraus rund 3,77 bis 4,68 Euro Mehrkosten jährlich, bei 20.000 kWh sind es 5,80 bis 7,20 Euro. Die Umlage soll jährlich neu festgelegt werden.
Trading Hub Europe (THE) soll die Umlage bei den Bilanzkreisverantwortlichen erheben, die diese an ihre Kunden weitergeben können. Die erste Umlageperiode ist ab 1. Oktober 2027 vorgesehen. Der Entwurf befindet sich noch im Gesetzgebungsverfahren.
VIK fordert Haushaltsfinanzierung - Versorgungsschutz für Industrie begrenzt
Der VIK unterstützt eine Krisenreserve grundsätzlich, kritisiert aber die Kostenverteilung. Nicht geschützte Industriekunden sollen nach seiner Darstellung einen großen Anteil finanzieren, ohne denselben gesetzlichen Versorgungsschutz wie Haushalte und bestimmte soziale Einrichtungen zu genießen.
„Eine strategische Gasreserve kann in einer schweren Versorgungskrise zusätzliche Sicherheit schaffen. Krisenvorsorge ist jedoch eine staatliche Aufgabe und sollte als solche vollständig aus dem Haushalt finanziert werden“, erklärt VIK-Hauptgeschäftsführer Christian Seyfert.
Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und die deutsche Ziegelindustrie plädieren für eine Haushaltsfinanzierung. Die Ziegelindustrie fordert hilfsweise, Kunden mit registrierender Leistungsmessung (RLM) von der Umlage auszunehmen.
Die Reserve soll jedoch nicht ausschließlich geschützten Kunden dienen. Nach dem geplanten § 35l EnWG entscheidet die Bundesnetzagentur in der Notfallstufe über ihren Einsatz. Die Gesetzesbegründung nennt ausdrücklich die Möglichkeit, dadurch auch Abschaltungen von Industrieunternehmen zu verhindern. Einen garantierten Anspruch einzelner Industriekunden auf Belieferung aus der Reserve sieht die Regelung nicht vor.
Systemwechsel: Staatliche Reserve neben marktlicher Wintervorsorge
Die Gesetzesbegründung nennt 24 TWh als mögliche Reservegröße. Der Gesetzestext legt kein festes Volumen fest. Grundlage für die Bemessung ist die nationale Risikobewertung der Bundesnetzagentur. Auf dieser Basis bestimmt THE Umfang, Ausspeicherleistung und regionale Verteilung der Reserve, allerdings nur mit Zustimmung des Bundeswirtschaftsministeriums und im Einvernehmen mit der Bundesnetzagentur.
Am 19. Oktober waren die deutschen Gasspeicher nach vorläufigen Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) zu 61,2 Prozent gefüllt, gegenüber 75,4 Prozent ein Jahr zuvor. Die gespeicherte Gasmenge lag mit rund 151 TWh etwa 38 TWh unter dem Vorjahreswert. Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgung weiterhin als stabil. Für die Winterversorgung zählen neben den Speichern auch Pipeline- und LNG-Importe sowie die Nachfrage.
Ende September wies das BMWE SEFE an, bis zum 15. Dezember 2026 zusätzlich 8 TWh Gas zu beschaffen und einzuspeichern. Das Ministerium begründete den Schritt mit geopolitischen Risiken.
Ein Gutachten von Frontier Economics im Auftrag des BMWE beschreibt den Zielkonflikt: Die Füllstandsvorgaben stärkten 2022 die Versorgungssicherheit, schwächten unter veränderten Marktbedingungen jedoch Preissignale und wirtschaftliche Speicheranreize. Die strategische Reserve soll dagegen außergewöhnliche Krisen absichern, nicht die normale Winterbeschaffung ersetzen. Entscheidend bleibt, ob die marktliche Bevorratung und die staatliche Krisenvorsorge auch bei ungünstigen Liefer- und Nachfragebedingungen zusammen ausreichend Sicherheit bieten.
© IWR, 2026
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