Warum Ursula von der Leyen jetzt die Atomkraft neu entdeckt – und was Frankreichs Atomschutz damit zu tun hat
© EU-KommissionMünster – Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat auf dem Kernenergie-Gipfel in Paris auf die Schlüsselrolle von Kernenergie und erneuerbaren Energien bei der Stromproduktion verwiesen. Was auf den ersten Blick wie eine energiepolitische Kehrtwende aussieht, hat einen deutlich tieferen Hintergrund.
Von der Leyen kündigte eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren an, sogenannte Mini-Atomkraftwerke (SMR – Small Modular Reactors). Private Investitionen in innovative Kerntechnologien sollen mit einer Garantie in Höhe von rund 200 Millionen Euro unterstützt werden. Doch die eigentliche Intention des Programms zielt eher auf den nicht-zivilen Bereich der Atomenergie ab.
Was von der Leyen auf dem Kernenergie-Gipfel sagte - Strom aus erneuerbaren Energien und Kernenergie
„Europa ist jedoch weder ein Öl- noch ein Gasproduzent. Bei fossilen Brennstoffen sind wir vollständig auf teure und volatile Importe angewiesen, was uns gegenüber anderen Regionen strukturell benachteiligt. Die aktuelle Krise im Nahen Osten erinnert eindringlich an die dadurch entstehende Verwundbarkeit. Aber wir haben unsere eigenen CO2-armen Energiequellen: die Kernenergie und die erneuerbaren Energien. Gemeinsam können sie zu den Garanten für Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit werden – wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen“, so von der Leyen.
Die Verringerung des Anteils der Kernenergie sei für Europa ein strategischer Fehler gewesen, so die Kommissionspräsidentin. Dies solle sich aus zwei Gründen ändern. Erstens spielten Kernenergie und erneuerbare Energien beide eine Schlüsselrolle im Energiesystem.
Dies sei kein Entweder-Oder – in Kombination miteinander seien beide am stärksten. Denn Europa brauche das beste Gesamtpaket für Energie: sauber, erschwinglich, resilient und europäisch.
Die Kernenergie sei zuverlässig und liefere das ganze Jahr über rund um die Uhr Strom. Das effizienteste Energiesystem kombiniere daher Kernenergie und erneuerbare Energien und werde zusätzlich durch Speicher, Flexibilität und leistungsfähige Netze gestützt.
Zugleich verwies von der Leyen auf eine angebliche weltweite Renaissance der Kernenergie, an der Europa teilhaben wolle. Im vergangenen Jahr habe die EU-Kommission zudem ihre Regeln für staatliche Beihilfen angepasst, um auch staatliche Unterstützung für Kernspaltungstechnologien und Kernbrennstoffe zu ermöglichen.
Wie Frankreich vom EU-Programm profitieren will
Weltweit existiert derzeit faktisch noch kein kommerzieller Markt für Mini-Atomkraftwerke. Die meisten SMR-Projekte befinden sich noch im Designstadium oder in sehr frühen Prototyp-Phasen.
Innerhalb der Europäischen Union gibt es zudem nur ein Land, das in großem Umfang von einer staatlich gestützten zivilen Kernenergie profitiert: Frankreich. Der staatliche Energiekonzern EDF (Électricité de France) betreibt den größten Atomkraftwerkspark Europas.
Auch dort steht die Entwicklung kleiner modularer Reaktoren noch ganz am Anfang. EDF hatte über seine Tochtergesellschaft Nuward versucht, in den SMR-Markt einzusteigen. Nach rund vier Jahren Entwicklung wurde das ursprüngliche Design jedoch aufgrund technischer Schwierigkeiten verworfen.
Nach Informationen des französischen Mediums L’Informé hatte das geplante Mini-Atomkraftwerk mit rund 340 MW Leistung bereits die Phase des Vorentwurfs (APS) durchlaufen und war in die Phase des Detailentwurfs (APD) eingetreten. Dennoch entschied sich EDF, das Konzept zu überarbeiten.
Statt eines komplett eigenen Designs setzt der Konzern nun stärker auf Partnerschaften mit anderen Unternehmen sowie auf „handelsübliche Technologien“. Ziel ist es, Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen zu vermeiden – Probleme, die bereits bei mehreren europäischen Großreaktor-Projekten aufgetreten sind.
Keine Renaissance für Atomkraftwerke in Sicht - Strom aus neuen Atomkraftwerken kostet mindestens 15 cent/kWh
Die von der Kommissionspräsidentin genannte Renaissance der Atomenergie wird durch die aktuellen Daten nicht gestützt. Nach Angaben der Datenbank der International Atomic Energy Agency (IAEA) wurden im Jahr 2025 weltweit lediglich drei neue Atomkraftwerke mit einer Leistung von knapp 3.000 MW in Betrieb genommen. Im selben Zeitraum wurden sieben ältere Reaktoren mit einer Gesamtleistung von rund 2.800 MW endgültig abgeschaltet.
Auch in der längerfristigen Betrachtung zeigt sich kein klarer Aufschwung der Kernenergie. Im Gegenteil: Seit 2020 wurden weltweit 31 Atomkraftwerke neu in Betrieb genommen, während 37 Reaktoren stillgelegt wurden.
Die globale Kernkraftkapazität wächst damit kaum und bleibt weit hinter dem rasanten Ausbau erneuerbarer Energien zurück.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Hohe Kosten und lange Bauzeiten führen dazu, dass der Bau von neuen Atomkraftwerken fast ausschließlich von wenigen Staatsunternehmen erfolgt. So kostet ein einziger 1.600 MW Atomkraftwerks-Block (HPC 1) in Großbritannien (Hinkley Point C) rd. 25 Milliarden Euro. Der erzeugte Atomstrom wird über einen staatlich garantierten Mindestpreis von rund 15 ct/kWh über 35 Jahre subventioniert, wobei dieser Preis mit der britischen Inflation noch weiter ansteigt.
Politik: Militärischer Atomschutz Frankreichs nicht ohne zivile Nutzung der Kernenergie
Die Aussagen von Ursula von der Leyen lassen sich insgesamt weniger als reine energiepolitische Neuausrichtung interpretieren, sondern auch als politisches Signal an die EU-Länder.
Frankreich und das Vereinigte Königreich sind die einzigen Atommächte innerhalb der europäischen NATO-Staaten. In der aktuellen sicherheitspolitischen Debatte spielt insbesondere die Möglichkeit einer stärkeren europäischen Abschreckung unter französischem Atomschutz eine wachsende Rolle.
Dabei ist die zivile Nutzung der Kernenergie historisch eng mit der militärischen Atomfähigkeit verknüpft. Bereits der frühere französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing erklärte in den 1970er-Jahren sinngemäß, dass das militärische Atomprogramm Frankreichs so kostspielig sei, dass es ohne eine breite zivile Nutzung der Kernenergie nicht tragbar wäre.
Die zivile Atomindustrie sorgt für technologische Infrastruktur, industrielle Kapazitäten und qualifiziertes Personal – Voraussetzungen, die auch für das militärische Atomprogramm notwendig sind.
Vor diesem Hintergrund kann die neue EU-Strategie für Kerntechnologien auch als Beitrag der europäischen Staaten zur Finanzierung und industriellen Absicherung der französischen Nuklearfähigkeit verstanden werden.
© IWR, 2026
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